Staatsanleihen oder wie sich Staaten verschulden

December 20, 2020

Der eher unspektakulär wirkende Anleihenmarkt, im Englischen als „Bond Market“ bekannt, stellt gemeinsam mit dem Devisenmarkt (Fremdwährungsmarkt) den größten und liquidesten Markt der Welt dar. Hier werden an jedem einzelnen Handelstag sage und schreibe 3-4 Billionen US-Dollar an Wertpapieren in Form von Anleihen gehandelt. Daher wird der Anleihenmarkt, auch als sogenannter „Profimarkt“ bezeichnet, da hierbei die meisten Akteure am Spielfeld professionelle Investoren wie Fondsmanager, Pensionsfonds und andere Experten sind, welche diese Unsummen an Geldmitteln überhaupt bewegen können. Das ist auch mitunter der entscheidende Grund, weshalb sich ein Blick auf den Anleihenmarkt durchaus bezahlt macht. In diesem Marktfeld werden wirtschaftliche Fundamentaldaten „verarbeitet“ und folglich im Rahmen der Anleihen eingepreist. Somit gehört die Anlageklasse der Anleihen auch zum Sektor des „Fixed Income“, da diese eine fixe, periodisch wiederkehrende Auszahlung an ihre Anleger vorsieht.

Doch wenden wir uns zuerst einmal der Frage zu, was Anleihen denn nun sind?

Juristisch gesprochen handelt es sich bei Anleihen um Wertpapiere, die eine Forderung des Inhabers gegen den Aussteller des Wertpapiers verbriefen [1]. Diese Forderung des Inhabers ist sowohl auf Rückzahlung des Kapitals als auch an einen bestimmten Zinssatz gerichtet.

Folgendes Beispiel soll helfen die leicht missverständliche Formulierung und Funktionsweise von Anleihen ein wenig verständlicher darzustellen:

Die österreichische Regierung möchte Arbeitsplätze schaffen, um damit die Wirtschaft anzukurbeln - hierfür plant diese ein großes Infrastrukturprojekt. Die Regierung verfügt jedoch nicht über die entsprechenden finanziellen Mittel, um dieses enorme Bauvorhaben finanzieren zu können. Daher emittiert (=ausgeben) der österreichische Staat Staatsanleihen, mit verschiedenen Laufzeiten. Für unser Beispiel auf eine Laufzeit von 10 Jahren.

Kaufen nun Anleger (diese bestehen in der Regel vor allem aus Versicherungsgesellschaften, Kreditinstituten und Investmentfonds) Staatsanleihen, borgen diese Institutionen dem österreichischen Staat Geld. Für die Kreditvergabe an den Staat (=Emittent) erwarten sich die Investoren (=Kreditgeber) jedoch einen bestimmten Zins. Dieser wird je nach Ausgestaltung, jährlich/halbjährlich/quartalsweise oder monatlich an die Investoren ausbezahlt. Beiläufig sei erwähnt, dass folgender Zins in der Fachsprache auch als „Coupon“ bezeichnet wird. Am Ende der Laufzeit wird zusätzlich zum sogenannten „Coupon“ auch noch das ursprünglich zur Verfügung gestellte Kapital an den Investor fällig.

In unserem Beispiel würde das folgendermaßen aussehen:

Der österreichische Staat emittiert eine Staatsanleihe in der Höhe von 100 Millionen EUR mit einer Laufzeit von 10 Jahren zu einem Zinssatz von 1% (dieser Zinssatz entspricht nicht der Realität, sondern dient lediglich für ein besseres Verständnis, der derzeitige Zinssatz beträgt: -0,451 [2]). Gehen wir also davon aus, dass Österreich als Schuldner einen Coupon in der Höhe von 1% jährlich ausbezahlt, so erhalten die Investoren jährlich insgesamt also 1 Million EUR an Zinsen ausbezahlt. Am Ende der Laufzeit, also nach 10 Jahren, muss der österreichische Staat neben dem letzten Coupon in der Höhe von 1 Million EUR zusätzlich den ursprünglichen Kreditbetrag in der Höhe von 100 Millionen EUR an die Investoren zurückzahlen.

Wenn Staatsanleihen folglich an Handelsbörsen gehandelt werden, weisen diese zum Zeitpunkt der Ausgabe einen Preis in der Höhe von 100 (EUR, USD, etc.) auf. Basierend auf ihrer Börsennotierung besitzen Anleihen somit neben einem Zinssatz auch einen (Handels-)preis, der sie an den Finanzmärkten handelbar macht. Der Zinssatz der Anleihe kann sich im Laufe der Zeit (wir erinnern uns, dass es in unserem Beispiel 10 Jahre sind) nach oben oder unten verändern. Je nachdem, ob zukünftig mit einer besseren (Zins geht nach oben) oder schlechteren (Zins geht nach unten) Wirtschaftsentwicklung gerechnet wird, verändert sich der Zinssatz. Da in diesem Markt fast ausschließlich professionelle Investoren agieren, preisen diese die wirtschaftlichen Fundamentaldaten entsprechend ein. Im Rahmen der cov-sars-2 Pandemie fielen, auf der Grundlage der angedachten schlechteren schlechteren Wirtschaftsentwicklung, die Staatsanleihenzinssätze weltweit.

Zusätzlich elementar für das Verständnis der Anleihe ist, dass sich der Zinssatz sowie der Preis der Anleihe immer in die entgegengesetzte Richtung entwickeln. Vereinfacht gesagt - steigt der Zinssatz bei einem ursprünglichen Anleihepreis von 100 (EUR, USD, etc.) und einem Zinssatz von 1% auf einen Zinssatz von 2%, so muss im Gegenzug der Preis der Anleihe auf unter 100 fallen. Sinkt der Zinssatz hingegen, muss der Preis der Anleihe auf über 100 steigen. Somit kann man am gegenwärtigen Preis einer Anleihe feststellen, ob eine starke oder niedrige Nachfrage besteht. Liegt der Preis beispielsweise bei 106, so muss der ursprünglich vereinbarte Zinssatz gefallen sein, damit der Preis auf über 100 steigen konnte, was wiederum ein Zeichen für eine starke Nachfrage war.

Der unterhalb dieses Absatzes angeführte Chart soll deutlich Aufschluss darüber geben, wie sich der Zinssatz 10-jähriger österreichischer Anleihen seit 1985 entwickelt hat und aufzeigen, dass die Anlageklasse der Staatsanleihen in den letzten Jahren stark an Attraktivität verloren hat, da die Verzinsung des eingesetzten Kapitals stark nachgelassen hat, bzw. mittlerweile gar in den negativen Bereich abgedriftet ist.


Mitentscheidend für diesen niedrigen Zinssatz ist unter anderem das derzeitig hohe Niveau der globalen Verschuldung, da durch die niedrigen Zinssätze die Neukreditaufnahme zur Unterstützung der Wirtschaft günstiger geworden ist.

Passend dazu zeigt der folgende Chart die Verschuldung der Bundesrepublik Österreich seitdem Jahr 2000 bis September 2020. Wie ersichtlich, wurden im Rahmen der gegenwärtigen cov-sars-2 Pandemie in diesem Jahr noch etliche weitere Milliarden EUR Schulden aufgenommen, um die wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Auswirkungen abzufedern.

Auch wenn sich die Vermögensklasse der Anleihen auf den ersten Blick als unübersichtlich und gar sperrig im Vergleich zu anderen Anlageklasse gestaltet, gibt sie Aufschluss über wichtige wirtschaftliche Anhaltspunkte und Entwicklungen. Denn kein anderer Markt verarbeitet und gewichtet die "wahren" fundamentalen Verhältnisse der globalen Wirtschaftsentwicklung so exakt wie dieser.

Mag. Bernhard Gottschall

[1] Krejci, Unternehmensrecht 5. Auflage, S. 565

[2] Seite „Austrian Government Bonds“ in World Government Bonds URL.: http://www.worldgovernmentbonds.com/country/austria/ (Abgerufen 13.12.2020)

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