Finanzielle Bildung - quo vadis?

November 27, 2020

Es gibt ein altes chinesisches Sprichwort, welches besagt, „mögest du in interessanten Zeiten leben“. Dieses trifft unserer beider Ansichten nach sehr gut auf die gegenwärtige politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Gesamtsituation zu. Wir stehen alle gemeinsam vor großen zukünftigen Herausforderungen, welche ebenso Chancen wie Risiken mit sich bringen werden, und dementsprechend werden daraus sowohl Gewinner als leider auch Verlierer hervortreten. Auch abseits der, hoffentlich nur temporär befristeten covid-sars-2 Pandemie, welche unsere vertrauten Gegebenheiten gänzlich auf den Kopf gestellt hat, stehen wir vor spannenden bzw. entscheidenden Weichenstellungen für unsere Zukunft. Trotz all der momentanen Schwierigkeiten und täglich hereinprasselnden Hiobsbotschaften ist es uns ein Anliegen, das Beste aus dieser Situation zu machen, um ein Quäntchen beitragen zu können, die kommenden Zeiten auf positive Art und Weise selbst mitzugestalten.

Im vorliegenden Artikel möchten wir etwas genauer auf die kontinuierlichen strukturellen Verschiebungen wirtschaftlicher als auch gesellschaftspolitscher Natur eingehen. Dabei gilt es zu erörtern, wieso und weshalb es heutzutage schwieriger als noch vor beispielsweise 20 bis 30 Jahren ist, sich ein solides finanzielles Grundkonstrukt aufzubauen. Genau deshalb ist es jetzt sinnvoll, das persönliche Wissen in diesem Bereich zu verbessern bzw. zu erweitern, um sich bestenfalls zukünftig weniger Gedanken um finanzielle Engpässe machen zu müssen.

Eine dieser großen Herausforderungen der Zukunft besteht in der globalen Verschuldung. Diese hat heute ein noch nie dagewesenes Niveau erreicht. „Verschuldung“ bedeutet, vereinfacht ausgedrückt, dass man Waren oder Dienstleistungen im Hier und Jetzt konsumiert, dafür aber in der Zukunft wohl weniger konsumieren kann, da die Schulden früher oder später zurückgezahlt werden müssen.

Der unter diesem Absatz angeführte Chart soll an den Beispielen uns wohl bekannter westlicher Industrienationen ein Gefühl dafür geben, wie hoch der Schuldenstand, eingesetzt zum BIP (Bruttoinlandsprodukt = Maßeinheit für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft, welche die Produktion von Waren und Dienstleistungen bemisst [1]) seit 2000 bis heute angestiegen ist. Bei dessen Ansicht wird jedem klar werden, dass es sich dabei um keine gänzlich positive Entwicklung handeln kann. Dass aber Schulden per se nicht immer schlecht sein müssen, werden wir in folgenden Artikeln noch ausführlicher behandeln.


Zur Stützung der Weltwirtschaft nach der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008 entschieden die Notenbanken weltweit, ihre Leitzinssätze zu senken, um dem Wirtschaftskreislauf positive Anreize zur Kreditaufnahme zu setzen. Dieser Trend der Niedrigzinspolitik der Notenbanken setzt sich seitdem ungebrochen fort und hat auch im Wirtschaftsraum der Europäischen Union neue Verhältnisse geschaffen. So kam es im März 2016 dazu, dass die EZB (Europäische Zentralbank) den Leitzins erstmals in der Geschichte auf 0,00% senkte, welcher seither auf diesem niedrigen Niveau belassen wurde. Ein wirtschaftliches Umfeld wie dieses mit ausbleibender Verzinsung regt tatsächlich nicht mehr zum Sparen an, sodass Gelder vermehrt in spekulativere Anlageklassen fließen. Derartige Anlageklassen setzen allerdings entsprechendes wirtschaftliches und finanzielles Wissen voraus, welches hingegen oft nicht im ausreichenden Maß vorhanden ist.

Dieser Chart gibt Aufschluss darüber, wie sich der Leitzinssatz der EZB seit 1999 verändert hat. (Euribor Rates, ECB refinancing rate)

Abschließend möchten wir in diesem Beitrag noch kurz und prägnant aufzeigen, vor welch herausfordernde Aufgabe uns auch die gegenwärtig stattfindende demographische Verschiebung der Altersstruktur stellt. Vor allem die westlichen Industrienationen sind von dieser sogenannten „Vergreisung“ der Bevölkerung betroffen, mittlerweile aber auch größere Teile des asiatischen Raumes, da der dort aufgekommene Wohlstand sich tendenziell ungünstig auf die Geburtenrate auswirkt.

Um ein plakatives Beispiel zu geben, weshalb diese gesellschaftliche Veränderung eine Herausforderung darstellt, bietet es sich an, einen kurzen Blick auf das österreichische Pensionssystem zu werfen. Österreich orientiert sich dabei am sogenannten „Generationenvertrag [2]“, der, einfach gesagt, zum Ausdruck bringt, dass die arbeitende Bevölkerung mit ihren Pensionsbeiträgen die Pensionen jener bezahlt, die sich bereits im Ruhestand befinden. Steigt das Durchschnittalter, so nimmt auch das Alter der Pensionsbezieher zu, was wiederum bedeutet, dass eine immer kleinere erwerbstätige Bevölkerungsgruppe eine immer größere Bevölkerungsgruppe erhalten muss.

Im anschließenden Chart wird ersichtlich, in welch signifikantem Ausmaß das Durchschnittalter der Bevölkerung seit 1980 zugenommen hat.


Die oben angeführten Beweggründe verdeutlichen, dass es heute wohl wichtiger ist als jemals zuvor, sich Gedanken über die eigene Zukunft zu machen und sein finanzielles Wohlergehen in die eigene Hand zu nehmen.

Denn ein großer Vorteil unserer Zeit besteht in der schlichten Möglichkeit, sich mit bloß wenigen „Mausklicken“ Zugang zu nahezu allen relevanten Informationen zuschaffen, was vor einigen Jahrzehnten noch gänzlich unmöglich schien. Gerade durch den Einsatz von Informationstechnologie haben wir die Chance, uns binnen Sekunden weltweit zu vernetzen, auszutauschen und mehr noch, gegenseitig voneinander zu lernen. Zwar ist diese Informationsflut schier unbegrenzt, doch bietet sie Unterstützung, sich auf raschem Weg unterschiedliche Daten, Fakten, Aussichten, etc. einzuholen, um wichtige Entscheidungen zu treffen.

Genau hier möchten wir ansetzen, indem wir es uns zur Aufgabe machen, unsere Mitmenschen Schritt für Schritt zu unterstützen, ihr finanzielles Wissen aufzubauen, damit sie in Zukunft selbst positive und nachhaltige Entscheidungen in diesem Bereich treffen können. Auch wenn Geld bei Weitem nicht das Wichtigste in unser aller Leben darstellt, benötigen wir es doch tagtäglich, um unsere Grundbedürfnisse decken zu können.

Mag. Bernhard Gottschall

Mag. Michael Osterbauer

[1] Springer Gabler Verlag (Hrsg.), Gabler Wirtschaftslexikon, Stichwort: Bruttoinlandsprodukt online im Internet: https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/bruttoinlandsprodukt-bip-27867 (Abgerufen 25.11.2020)

[2] Springer Gabler Verlag (Hrsg.), Gabler Wirtschaftslexikon, Stichwort: Generationenvertrag online im Internet: https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/generationenvertrag-34055 (Abgerufen 25.11.2020)

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